„Loben kommt immer von oben“ oder: Wie drücke ich echte Anerkennung aus?

Unter der Überschrift „Loben kommt immer von oben“ hatte ich vor einigen Jahren mal einen Artikel in der Emotion gelesen. Da hörte ich zum ersten Mal, dass Loben gar nicht so gut sein sollte wie wir immer dachten. Ja im Gegenteil, dass es sich sogar negativ auswirke.

Ich glaube, dass es hier vorweg jedoch Klärungsbedarf zum Begriff „Loben“ gibt, da ich schon auf einigen Blogs verschiedene Artikel dazu gelesen habe, aktuell das Buch „Liebe und Liebe und EigenständigkeitEigenständigkeit“ lese und die meisten das Ganze gleich beurteilen. Nur dass einige meinen, sie seien für das Loben und die anderen, dass Loben gar nicht gut sei. Was sie jedoch tun, ist bei allen sehr ähnlich. Sie loben nicht im herkömmlichen Sinne, der ja eher schädlich sein soll, sondern sie sehen den Menschen, sie nehmen ihn wahr, geben ihm Aufmerksamkeit und Anerkennung. Das ist nicht das Gleiche wie, wenn ich ein „Gut gemacht!“ oder einen „Bonbon“ oder eine „1“ bekomme, damit ich genauso weitermache und mich ganz im Sinne des Lobenden verhalte.

Ich fing damals also an, bei mir selbst zu beobachten, welche Gefühle es in mir auslöste, wenn ich gelobt wurde, und  ob es eine Rolle spielte, wie und von wem ich gelobt wurde. So ist mir seitdem aufgefallen, dass ich Kolleg*innen habe, die richtig darauf angewiesen sind, gelobt zu werden und es auch so ausdrücken, während ich selbst das eher befremdlich fand. Versteht mich nicht falsch. Auch ich brauche Anerkennung, Wertschätzung und bin zum Teil ziemlich Belohnungsabhänging (siehe Zuckersucht). Aber das was sie Lob nannten, fühlte sich für mich nie richtig an. Ich dachte: Woher nimmt der Andere diese Einschätzung? Oder: Was heißt: Gut gemacht? Vor allem, wenn ich es vielleicht selbst gar nicht gut fand, was ich gemacht habe.

Welches Recht haben andere zu beurteilen, wie ich etwas gemacht habe, und was ist daran Anerkennung? In den meisten Fällen ist ein „Gut gemacht!“ oder „Gute Arbeit!“ vom Chef doch nur eine Floskel, die die Mitarbeiter*innen zum Weitermachen motivieren soll und inhaltlich überhaupt keine Relevanz hat, geschweige denn echtes Feedback darstellt. Erst Recht, wenn der Chef gar nicht inhaltlich mit der Arbeit vertraut ist.

Auffällig war für mich, dass es vor allem ältere Kolleg*innen waren, die danach schrien, beurteilt und gelobt zu werden und dies mit Wertschätzung verwechselten. Während jüngere Kolleg*innen froh waren, wenn sie selbstständig und unkontrolliert arbeiten durften. Sie sahen vor allem darin eine Wertschätzung, weil ihnen und ihrer Kompetenz so viel Vertrauen entgegen gebracht wurde.

Meine Theorie dazu ist, dass es bei den älteren Kolleg*innen, in ihrer Kindheit und Jugend noch mehr darauf ankam, wie andere ihre Leistungen einschätzten, also ob sie Lob oder Tadel bekamen. Sie hatten so gelernt, ihre ganze Motivation extrinsisch auszurichten (also an den Werten und Vorgaben von außen) und verloren das Gefühl dafür, was sie selbst wollten. Sie lernten auf diese Weise nicht, sich selbst einzuschätzen und nachzuspüren, ob ihnen die Aufgabe oder Beschäftigung gerade Spaß machte.

Ich möchte ehrlich gesagt lieber selbst Spaß an meiner Beschäftgung haben als jemand anderem damit zu gefallen. Und genauso wünsche ich mir das für das Lieblingskind. Es soll möglichst viel aus eigenem Antrieb (intrinsischer Motivation) heraus tun und in seinem Tun aufgehen können.

Lob oder Kritik sind dabei sehr hinderlich, weil man beginnt sein Tun danach auszurichten, ob es anderen gefällt, ganz besonders, wenn es von den wichtigsten Menschen und Vorbildern überaupt kommt, nämlich von den Eltern. Dann wissen sie, wenn ich dies oder jenes noch mal mache, bekomme ich wieder Lob (ein Sternchen, ein Bonbon, ein „Das ist aber schön“). Sie wollen nichts Neues mehr wagen und damit riskieren, kein Lob zu bekommen. Das behindert entschieden die Kreativität und die Fähigkeit oder den Mut, Neues auszuprobieren und dabei etwas zu lernen und daran zu wachsen. Zumal man aus Fehlern sehr viel lernen kann. Die Abhängigkeit von Lob verhindert allerdings eine hohe Fehlertoleranz und damit Weiterentwicklung.

Lob (im herkömmlichen Sinne) ist niemals wirklich Anerkennung, sondern ein Urteil. Ein Urteil, dass den Beurteilten dazu bringen soll, sein Verhalten genau daran auszurichten, wie es dem Lobenden gefällt. Damit ist es eher ein Mittel zur Manipulation.

Von „oben“ fand ich ganz passend, weil es ausdrückt: „Ich stehe über dir und kann daher beurteilen, ob du etwas gut oder schlecht, falsch oder richtig machst.“ Für Kinder fühlt sich das vielleicht noch natürlicher an, weil sie tatsächlich zu den Erwachsenen aufblicken. Besser fühlte es sich für sie aber an, als ihre Eltern noch einfach nur Anteil nahmen und sich über die bloße Existenz ihres kleinen Lieblings freuten, ohne ihre Freude an bestimmte Bedingungen zu knüpfen. „Warum freuen sich meine Eltern heute nicht mehr einfach, wenn ich ich dieses Spiel spiele, sondern dann wenn ich es gut spiele?“ Besonders merkwürdig fühlt es sich aber im Erwachsenenalter an, wenn es irgendwie von oben kommt und man sich fragt „Was macht ihn zum Experten, der beurteilen kann, ob das jetzt gut oder schlecht war?“

Die Alternative wäre echter Kontakt ohne Werturteile. Das heißt, dass mich interessiert: wie schätzt mein Gegeüberüber (bzw. mein Kind) selbst ein, was es getan hat. Kinder lernen vor allem auch, sich selbst einzuschätzen und ein Gefühl dafür zu entwickeln wie sie etwas richtig oder falsch machen.

Und es interessiert mich auch, ob es Freude bereitet. Mit „Nicht loben“ ist nicht gemeint, nichts zu sagen und nichts zu tun. Keine Reaktion käme Ignoranz und Gleichgültigkeit gleich. Aber das Gegenteil wollen wir ja erreichen, nämlich echte Aufmerksamkeit, Anteilnahme, echte Freude und Anerkennung – eben Kontakt und Begegnung.

Diesen erreichen wir aber nur, wenn wir neugierig und offen bleiben. Wenn wir beobachten und beschreiben, was wir sehen. Das klappt nicht, wenn wir gleich bewerten. Auch ein simples „schön“ ist eine Bewertung. Viel interessanter ist die Beschreibung und darüber ins Gespräch zu kommen. Dann finden wir zum Beispiel auch heraus, ob wir beide das Gleiche „schön“ finden.

In diesem Sinne: „Schön, dass ihr bis hierher gelesen habt. Gut gemacht!“

Nein quatsch – ich wünsche mir auch mit euch echten Kontakt und würde mich daher freuen, an eurer Sichtweise teilhaben zu dürfen. Welche Erfahrungen habt ihr selbst mit Lob und Kritik gemacht? Wann könnt ihr Lob und Kritik gut annehmen? Wie handhabt ihr das bei euren Kindern?

Eure Sabrina


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2 Gedanken zu “„Loben kommt immer von oben“ oder: Wie drücke ich echte Anerkennung aus?

  1. Hallo,
    zur Zeit arbeite ich ja in einem neuen Beruf, mit neuem Umfeld. Da ich diesen Beruf erlernen will weil ich mich und meine Arbeit in diesem Fach nicht selbst einschaetzen kann und Fehler, aus denen ich zwar lernen kann, die aber Lebewesen zerstoeren, brauch ich Feedback. Es sollte konstruktiv sein, denn ich will mehr wissen und lernen.
    Aber auch, wenn ich weiss, ich hab’s gut gemacht, freu ich mich, wenn es auch jemand anderes bemerkt und es nicht im Nichts verpufft. Denn ich stell mich nun auch nicht grad daneben und sage ‚guck mal, wie findst’n dis? Hab ich das nich toll gemacht.“
    obwohl ich auch schon den Spruch gehoert hab „tue Gutes und rede drueber“ gerade fuer die Arbeitswelt mit dem ewigen Konkurrenzkampf. Stoesst mir persoenlich aber unangenehm auf.
    Liebe Gruesse und danke f[r den aufschlussreichen Artikel.
    S

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  2. Meine Tastatur is im Arsch, nachdem 720mal der Taschenrechner aufging. Deshalb sieht das so aus mit dem Schriftbild. Wahrscheinlich laeuft grad die Garantie ab fuer meinen Schleppi ab. HEUL

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