„Der wird mal Chef!“ oder: Wie war das mit dem Respekt gleich noch mal?

Ich hatte heute mit dem Lieblingskind einen spannenden Nachmittag mit SinnStationen geplant, die gerade im Einkaufszentrum aufgebaut sind. Das Ganze hat etwas von einem Kindermuseum, wo es viel auszuprobieren, spielen und entdecken gibt. Es gab jedoch auch viel Frust auszuhalten, da wir natürlich nicht allein dort waren und viele Kinder (und Erwachsene) gleichzeitig die Stationen anschauen wollten. Das ist normal und eine Möglichkeit, Warten und Geduld zu üben.

Im Grunde genommen hatte das Lieblingskind die meiste Zeit extrem viel Geduld bewiesen für sein Alter. Dass es jedoch auch mal sauer wird, wenn andere Kinder einfach reingreifen, während er gerade etwas ausprobiert und zuvor gewartet hatte, ist verständlich. Auch die kindliche Reaktion, dann einfach mal die Kugel aus dem Spiel zu nehmen und damit wegzulaufen, nachdem „Nein“ sagen nichts gebracht hatte. Ich lief also gerade hinterher, um ihm zu sagen, dass das andere Kind, was jetzt dran ist, traurig wird, weil das Spiel ohne Kugel nicht funktioniert, als dieses wirklich große Kind (ca. 12, 13 Jahre alt) hinterherrannte, um ihm den Ball zu entreißen. Das versuchte er, obwohl ich neben dem Lieblingskind hockte und gerade dabei war, den Ball wiederzubekommen. Daraufhin rannte es natürlich wieder los. Okay, soweit auch noch im Rahmen des Normalen. Was ich dann aber alles andere als normal fand, war die Reaktion zweier älterer Frauen, die ebenfalls meinten, hinterherrennen und mein Kind festhalten zu müssen, um ihm den Ball am besten zu entreißen. Und das alles, obwohl sie sehen konnten, dass ich als Mutter dabei war und mich um die Angelegenheit kümmerte. Und diese Angelegenheit hatte noch keine 30 Sekunden gedauert, als sie meinten sich einmischen zu müssen. Nun redeten also gefühlt fünf Menschen auf ihn ein und drängten ihn auch physisch in die Ecke, sodass er anfing zu weinen und die Kugel natürlich erst Recht nicht los ließ.

Ich war fassungslos über so viel Ungeduld und soziale Inkompetenz. Von einem Dreijährigen wird erwartet, dass es sich am besten schon mal fünf Minuten in einer Schlange anstellt und die erwachsenen Frauen konnten nicht eine Minute warten, dass es weiterging. Und das, wo es rundherum weitere Stationen gab, die es auszuprobieren galt. Am Ende kam dann auch noch ein dummer Spruch wie „Der wird mal Chef, der liebt jetzt schon Machtspielchen.“ (Wie viele Menschen kann man eigentlich in einem Satz beleidigen?)

Und wer spielte Machtspielchen? Ein Dreijähriger, der überhaupt nicht weiß, was Macht eigentlich heißt, oder die Erwachsenen, die zu Dreijährigen werden, wenn sie nicht absolute Kontrolle haben und ihren Willen mit Macht durchsetzen können? Was konnte das Lieblingskind heute lernen? Das man sich das Spiel mit Gewalt aneignen kann, auf das man gerade Lust hat? Dass warten und abwechseln – also kooperieren – vielleicht doch nicht notwendig ist?

Ich bin sehr froh, dass ich bisher von solchen Einmischungen oder auch hohlen Kommentaren verschont geblieben bin. Diese Geschichten kenne ich meist von anderen und weiß natürlich, dass auch schon mal der ein oder andere die Augen über mich verdreht. Dem einen ist man grundsätzlich zu locker und dem anderen zu streng. Damit muss ich leben und natürlich bin auch ich nicht nicht immer völlig wertfrei unterwegs. Dennoch sollte einem doch klar sein, dass man gerade eine einzige Situation beobachtet und man nicht wissen kann, wie es zu dieser Situation kam.

Die respektvollere Variante:Liebe und Eigenständigkeit
Ich kann ganz kurz schildern wie es abläuft, wenn man dem Lieblingskind die Zeit gibt, eine Situation selbst zu lösen, statt es eilig zu haben und auf sofortiges Erfüllen einer Forderung (von Bitte kann keine Rede mehr sein) zu reagieren. Ich erkläre dem Kind kurz die Folgen – nämlich, dass das andere Kind traurig ist, wenn man ihm einfach die Kugel wegnimmt – und lasse es dann in Ruhe. Dann hat es Zeit, sich selbst die Situation zu betrachten und durchaus schon Empathie für das andere Kind zu entwickeln, um sich dann eben nach einer Minute selbst dazu durchzuringen, die Kugel zurückzubringen. Diese Minute kommt einem meist nur länger vor. Aber es ist eine Minute. Und diese eine Minute tut niemandem weh. Die Eskalation der Sitution dagegen, hinterlässt Spuren auf der kleinen Kinderseele.

Die gleiche Erfahrung mache ich auch morgens. Je mehr ich in Stress gerate und es auf das Lieblingskind abwälze – es also antreibe – desto länger dauert es. Sage ich mir, die zehn Minuten habe ich jetzt auch noch, werden es nicht mal zwei.

Alfie Kohn hat es in einem Beispiel so schön geschrieben:

Es tut mir leid, Schatz, aber du musst deinen Mantel anziehen. Draußen ist es sehr kalt und wir müssen ein Stück gehen. Aber wenn du lieber noch etwas warten willst, ist das auch in Ordnung. Sag mir Bescheid, wenn du soweit bist.“

Dieses „Sag mir Bescheid, wenn du soweit bist.“ nimmt so viel Druck aus der Situation und so viel Druck vom Kind. Es fühlt sich nicht mehr nur kontrolliert und gezwungen, auch wenn in dieser Situation auf die Forderung den Mantel anzuziehen, weiterhin bestanden wird. Es gibt eben Situationen, in denen etwas getan werden muss (was das Kind eigentlich nicht will). Dann ist es hilfreich, wenigstens die Entscheidung darüber zu lassen, wie oder wann es getan wird. Und es gibt Situationen, auf die ich nicht bestehen muss, weil sie nicht Sicherheit und Gesundheit gefährden. Dann ist es möglich, eine gemeinsame Lösung zu finden, mit der wir alle gut leben können. Das geht allerdings nur, wenn ich das Kind ernst nehme, also als vollwertige und gleichwürdige Persönlichkeit respektiere. Das bedeutet nicht, dass ich das Lieblingskind mit Entscheidungen überfordern werde, für die es noch nicht reif ist und dass alles basisdemokratisch diskutiert werden muss. Sondern es heißt, ich nehme die Gefühle, Wünsche und Fragen des Kindes ernst und berücksichtige sie bei Entscheidungen und Lösungsvorschlägen.

Einige gute Grundgedanken wie Kinder langfristig zu empathischen Menschen werden können, die andere mit Respekt behandeln, hat Alfie Kohn in seinem Buch „Liebe und Eigenständigkeit“ sehr schön beschrieben. Er stellt in seinem Buch gleich zu Beginn die Frage nach den langfristigen Zielen, die Eltern für ihr Kind haben. In der Regel wünschen sie sich, „dass ihre Kinder glückliche, ausgeglichene, selbstständige, ausgefüllte, produktive, selbstbewusste, seelisch gesunde, freundliche, rücksichtsvolle, verantwortungsbewusste, liebevolle, wissbegierige und zuversichtliche Menschen würden.“ Wir verhalten uns als Eltern aber oft so, als sei unser Ziel, dass andere über unser Kind sagen würden: „Mensch, dieses Kind tut alles, was man ihm sagt, und es macht nie einen Mucks.“ (Alfie Kohn)

Was sind eure langfristigen Ziele oder Wünsche für eure Kinder? Wie geht ihr damit um, wenn andere sich mit gut gemeinten Ratschlägen oder aber beleidigenden Kommentaren einmischen? Habt ihr gute Strategien für solche Momente oder schafft ihr es, es einfach an euch abperlen zu lassen?

Eure Sabrina

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