Über einen Wutausbruch

Angeregt durch Susannes Artikel „Abwarten, Tee trinken – kindliche Wut und Enttäuschung“ von Geborgen Wachsen, möchte ich heute auch eine Situation mit euch teilen, die in diese Kategorie passt und ebenfalls gestern passiert ist.

Es sollte ein schöner Nachmittag mit dem Lieblingskind werden. Ich holte ihn früh aus der Kita ab, um mit ihm zum Friseur zu gehen. Das bedeutete, dass er noch kein Vesper hatte. Aber ich habe ja immer was zum Essen dabei. Außerdem freute er sich wahnsinnig auf die Bonbons, die immer beim Friseur bereit stehen. Wir hatten abgemacht, dass er einen vor dem Schneiden und einen danach essen darf und er freute sich sehr. Auch das Haare schneiden fand er diesmal schön. Es kitzelte ihn und er freute sich über seine neuen kurzen Haare. Dann durfte er noch auf das Motorrad und danach wollten wir ins Kindercafé, wo wir mit einer Freundin aus der Kita verabredet waren.

Dort konnte er sich ebenfalls eine süße Sache aussuchen, entweder Eis oder Kuchen (oder wenn er etwas anderes entdeckt, dann eben auch das; auch wenn ich nicht glücklich wäre, sollte es ein Lollie sein – aber das ist ein anderes Thema). Er entschied sich für ein Eis.

Dann wollte er die ganze Zeit mit der Kita-Freundin spielen, die aber lieber bei Mama bleiben wollte. Er versuchte es immer und immer wieder, sie zum Spielen zu bewegen. Aber nichts klappte. Am Ende tat er sich noch auf der Rutsche weh. Ich tröstete ihn, aber es war schon zu merken, dass langsam die Wut in ihm hochkroch. Er begann Kissen runterzuwerfen und wenn ich ihn bat, sie wieder aufzuheben, suchte er sich lieber das nächste Objekt, dass er umwerfen konnte. Also beschlossen wir langsam nach Hause zu gehen. Es wäre ohnehin bald Zeit für das Abendessen. Obwohl er gerade noch loswollte, ging er doch lieber noch mal ins Bällebad, um alle Bälle wütend hinauszukatapultieren. Ich holte ihn also, um ihm beim Anziehen zu helfen und schnell aufzubrechen. Zum Wiederaufräumen, wäre er in dem Moment nämlich nicht mehr zu bewegen gewesen. Weitere Aufforderungen oder Ermahnungen hätten die Situation eher schneller eskalieren lassen. So aber kletterte er neben dem Stuhl, auf dem wir uns anziehen wollten, auf den Tritt, der für die Eisauswahl bereit stand und auf denen sämtliche Toppings aufgestellt waren. Er wollte jedes Glas einmal in die Hand nehmen und hatte bei den Gummibärchen plötzlich den Deckel in der Hand. Er wollte schnell eins rausgreifen. Da er aber genug Süßigkeiten gehabt hatte und wir auf dem Weg zum Abendessen waren, durfte er dies nicht. Er schrie und kniff, kletterte immer wieder hinauf, ich hob ihn wieder runter zum Anziehen und so ging es hin und her. Bis ich merkte, ich kann die Situation hier drin nicht lösen, wir müssen aus der Situation rausgehen.

thunder-951508_1280Also trug ich ihn raus, was er natürlich überhaupt nicht mochte und was ich auch nicht gern mache. Aber auch ein Gummibärchen wäre keine Lösung gewesen. Drohungen und Erpressungen schon gar nicht. Kaum dass wir draußen waren, beruhigte sich das Lieblingskind auch zusehends. Es wurde eher trauriger und fragte, ob es den nach dem Abendessen noch mal einen Nachtisch haben dürfe. Er wollte nämlich auch gar nicht zu Hause Brot, sondern gleich im Café Abendbrot essen. Und als er dann ca. 20 m weiter beim Bäcker ebenfalls auf den Bäcker zeigte, ob wir nicht da essen könnten, machte es bei mir erst Klick. Bisher dachte ich nur, na ja, er ist halt heute schneller reizbar, weil er keinen Mittagschlaf hatte. Aber erschwerend kam hinzu, dass er offenbar richtig großen Hunger hatte. Denn außer zwei Bonbons und einem Eis hatte er seit dem Mittag nichts gegessen. Und ich weiß wie es mir geht, wenn ich Hunger habe und müde bin. Darum war ich sehr glücklich, dass ich mich von seiner Wut nicht habe anstecken lassen und auf ihn eingehen konnte. Aber es war eine Herausforderung. Er durfte sich dann sofort ein Brötchen aussuchen und es gleich essen. Damit war er wieder glücklich und sogar zu Späßen aufgelegt, sodass die Menschen, denen wir jetzt begegneten, wieder entzückt von meinem Kind waren. Das machte mich wieder nachdenklich. Denn in der Situation im Café habe ich mich sehr unwohl gefühlt, weil ich befürchtete, dass die Leute, die die Situation beobachteten, denken würden, „Was für ein tyrannisches Kind. Und wie die Mutter sich tyrannisieren lässt. Na ja, vermutlich selbst Schuld.“ Diese Sorgen habe ich jetzt eigentlich immer, seit das Buch von Michael Winterhoff „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ so ein  Bestseller geworden ist. Diese mehr als pessimistische und vor allem wenig hilfreiche Sicht auf die Kinder und deren Eltern, trägt nicht gerade dazu bei, einen Erziehungsstil zu finden, der Kinder zu empathischen, verantwortungsbewussten, rücksichtsvollen und selbstbewussten Menschen werden lässt. Es trägt auch nicht dazu bei, den Eltern Vertrauen in ihre Intuition zu geben oder sie darin zu bestärken, eine gute Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen. Es wird heute alles zu schnell pathologisiert. Im schlimmsten Fall auch der Wutanfall eines Dreijährigen.

Aber diese negativen Gedanken mache ich mir im Grunde genommen jedes Mal selbst. Darum werde ich es jetzt wie Susanne von Geborgen Wachsen halten und Tee trinken und abwarten, dass diese Phase vorbeigeht. Und bis dahin versuche ich, mich in Gelassenheit zu üben und weiterhin auf mein Gefühl zu vertrauen. Denn wie Anna Luz de León von Berlin Mitte Mom über die gute Mutter schrieb.

Tatsache ist: das ist alles überhaupt total irrelevant. Denn was tatsächlich darüber entscheidet, ob eine „die gute Mutter“ ist oder nicht, hängt einzig und allein von ihrer individuellen Beziehung zu ihren Kindern ab. Die Kinder sind nämlich die einzigen Menschen, die das Prädikat „Die gute Mutter“ vergeben dürften, sonst niemand. Denn auf diese Beziehung kommt es an und die ist, wie alles, was uns Menschen in unserer Verschiedenheit ausmacht – individuell.

Ich bin dankbar für diese tollen, hilfreichen Artikel und wünsche euch allen auch viel Gelassenheit.

Eure Sabrina

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