Ich habe schon Nein gesagt! – oder: Wie konsequent muss ich wirklich sein?

Darf ich als Mama oder Papa auch mal meine Meinung ändern? Natürlich. Es gibt doch schließlich einen Grund, warum ich plötzlich anders über eine Sache denke. Und deshalb gilt auch hier, genauso wie für Anhalter im All: Keine Panik!

Wir haben meist viel zu viel Angst davor, einen Präzedenzfall zu schaffen, wenn wir mal eine Ausnahme machen. Diese Angst aber hindert uns nur daran, flexibel und spontan zu sein. Hängen wir starr an irgendwelchen Regeln, kann uns der Blick für das aktuelle Bedürfnis des Kindes entgehen. Wenn wir auf Dauer zu starr und kontrollierend sind (Das heißt, unser Wort gilt und wir als Eltern haben die Macht.), kann auf Dauer die Beziehung zu unseren Kindern darunter leiden. Denn irgendwann werden sie sich fragen, warum eine bestimmte Regel wichtiger ist als sie selbst. Sie fühlen sich dann nicht bedingungslos geliebt und werden lernen, wenn sie immer lieb die Regeln befolgen, dann werden sie geliebt. Im Umkehrschluss bedeutet das für sie, dass sie unter anderen Umständen nicht geliebt werden und nicht okay sind.

Leider wird, meiner Meinung nach, in zu vielen Erziehungsratgebern der Blick zu sehr auf das rein äußerliche Verhalten der Kinder gerichtet und nicht auf die Menschen selbst mit ihren Gefühlen, Bedürfnissen und Motivationen. Die Kinder sollen möglichst schnell funktionieren, nicht auffallen und nicht stören. Das stört mich, denn es ist eine ziemlich respektlose Haltung gegenüber unseren kleinen Mitmenschen. Klar bin ich manchmal genervt und klar zeige ich das auch. Aber ich werde vermeiden, mein Kind wie einen kaputten Roboter zu behandeln, bei dem ich eine Fehlfunktion reparieren muss, damit ich mich nicht gestört fühle, nur weil es gerade etwas anderes will als ich.

Liebe und EigenständigkeitDas heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass es bei uns keine Regeln gibt und mein Kind komplett struktur- und orientierungslos durch die Welt irrt. Es bedeutet einfach nur, dass es keinen Strafenkatalog oder Token Plan (Belohnungssystem) gibt, nach dem auf bestimmte Verfehlungen mit bestimmten „Konsequenzen“ (meist nichts anderes als Strafen) reagiert wird. Leider wird in vielen Büchern zum Thema Erziehung aber genau dazu geraten, damit das Kind weiß, womit es zu rechnen hat. Wir Eltern sollen ja schließlich berechenbar für unsere Kinder sein. Aber ist es wirklich besser, wenn unser Kind weiß, mit welcher Behandlung (Lob, Strafe, Liebesentzug) es zu rechnen hat, als wenn es lernt, wie man mit Konflikten umgeht? Wie man konstruktiv und kooperativ gemeinsame Lösungen findet?
Das Kind kann so viel von uns lernen, wenn es bei Konflikten in die Lösungsfindung einbezogen wird. Genauso hilfreich ist es, wenn es auch mal Meinungsverschiedenheiten der Eltern miterlebt und wie sie konstruktiv damit umgehen. Das heißt, dass Eltern nicht auch noch als einheitliche Front ihren Kindern gegenüber stehen müssen. Kindern tut es gut zu sehen, dass auch Erwachsene sich nicht immer einig sind und wir können ihnen dann „zeigen, wie man Meinungsverschiedenheiten respektvoll beilegen kann – oder auch, wie man lernen kann, Differenzen zu tolerieren“. (Alfie Kohn)

Jesper Juul schreibt dazu, dass die Konsequenz ein Verwandter der Einigkeit ist und ebenso wichtig, um Machtverhältnisse zu bewahren.

Wer Uneinigkeit als gefährlich ansieht, der muss Meinungsverschiedenheiten in der Familie zwangsläufig als Rebellion gegen die bestehende Ordnung betrachten. Konsequenz bedeutet für die Eltern in diesem Zusammenhang, den rebellischen Kindern ihr gemeinsames „Nein!“ entgegenzuhalten. Die bessere Alternative zu diesem Machtspiel ist der persönliche Dialog, der die Wünsche und Bedürfnisse von Kindern und Eltern gleichermaßen ernst nimmt.“ (Jesper Juul)

„Okay,“ höre ich dann von anderen Eltern, „aber es funktioniert doch so gut mit unserem Sternchen- oder Belohnungsplan.“ Tut es das? Es ist die Frage, was es tatsächlich beim Kind bewirken soll. Soll es lernen, warum bestimmte Regeln wichtig sind und sie daher aus dieser Erkenntnis heraus umsetzen oder für die Belohnung? Wird es verstehen, warum uns bestimmte Dinge besonders wichtig sind oder wird es süchtig nach der Belohnung? Hält es sich noch an die Regeln, wenn es keine Belohnung mehr gibt oder hat es sich so daran gewöhnt, dass wir die Belohnung bald nach der Absetzung wieder einführen oder sogar noch erhöhen müssen?

Es gibt zahlreiche Studien (bei Alfie Kohn nachzulesen), die zeigen, dass die Token Pläne (Belohnungssysteme) nicht nur wirkungslos sind, sondern sogar kontraproduktiv, wenn wir wollen, dass unsere Kinder sich zu selbstverantwortlichen, rücksichtsvollen und empathischen Menschen entwickeln.

Jeser Juul3Ich muss mir einfach bewusst sein, dass es bei einigen Kindern vielleicht schnell dazu führt, dass sie sich zwar so verhalten, wie ich es mir wünsche, dass der Preis dafür jedoch hoch sein kann. Damit meine ich, dass Kinder irgendwann anfangen werden, immer mehr zu verlangen und höhere Ansprüche zu stellen, damit sie lieb sind. Die „Erpressung“ haben sie ja gelernt. Und ich kann damit rechnen, dass sie nicht gelernt haben, worauf es wirklich ankommt, wenn einen jemand um etwas bittet. Versetzen sie sich dann in die Person mit der Bitte hinein, um abzuwägen, wie das eigene Bedürfnis mit dem der anderen zusammengeht? Oder werden sie die Bitte erfüllen und dann fragen: „Okay, aber was bekomme ich dafür?“

Ich gebe zu, die Alternative – also sich auf jede Situation neu einzustellen und in den Dialog zu gehen – ist nicht immer einfach. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es allen Eltern immer hundertprozentig gelingt. Uns selbstverständlich auch nicht. Die Alternative bedeutet schließlich, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen und kann etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen, die oft so knapp ist. Aber meiner Meinung nach lohnt es sich, diese Zeit zu investieren. Und wenn wir mal am Ende unserer Kräfte sind, weil wir einen langen Tag oder eine schlechte Nacht hatten und zu einer kleinen Erpressung greifen, dann ist es halt so. Dafür müssen wir dann nicht in Schuldgefühlen zergehen. Wichtig ist, dass wir unser Ziel kennen, dass wir unsere Kind lieben und ihm dies bedingungslos zeigen. Auch eine solche Situation bleibt dann eine Ausnahme, über die wir mit unseren Kindern reden können. Wichtig ist doch, dass wir uns immer wieder darum bemühen, unsere Kinder zu verstehen, wenn sie sich gerade etwas schwierig verhalten und sie mit Respekt zu behandeln. Und wenn sie sich darauf verlassen können, ist das doch eine schöne Orientierung, oder?

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verwendete Literatur:

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2 Gedanken zu “Ich habe schon Nein gesagt! – oder: Wie konsequent muss ich wirklich sein?

  1. Ein sehr schön geschriebener Artikel. Langsam bereue ich es, dass ich deine Abschlussarbeit nie gelesen habe. Staune immer wieder über deinen Wissensschatz, den du hier max ankratzt… mir schwant, der Eisberg unter der sichtbaren Spitze is gigantisch.
    Nur weiter so mit dem Kleenen, ick freu mich über einen, im Selbstwert gesunden Menschen mehr auf diesem Planeten.

    😉

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