Warum eigentlich „Gemeinsam Wachsen“?

Warum nenne ich die Kategorie, in der ich pädagogische Ansätze beschreibe eigentlich nicht einfach Erziehung, damit gleich klar ist, was sich dahinter verbirgt? Ich finde die Worte Erziehung und erziehen schwierig, weil in dem Begriff Erziehen vor allem das Wort ‚ziehen‘ steckt. Was den Schluss nahelegt, wir müssten irgendwie an unseren Kindern ziehen und vielleicht auch mal ordentlich zerren und dann werden sie schon in die „richtige“ Richtung gehen.

Darum geht es jedoch nicht, wenn man wie ich der Meinung ist, dass Erziehung in erster Linie Beziehung ist. Denn dann heißt es – wie in anderen Beziehungen auch – sich kennen lernen, eigene Grenzen kennen lernen und abstecken, sich selbst überhaupt in Beziehung zu dem anderen Menschen besser verstehen lernen und möglicherweise neue Seiten an sich entdecken. Für mich bedeutet dies, dass wir gemeinsam mit unseren Kindern wachsen. Wir können uns zusammen weiterentwickeln, wozu selbst (oder vor allem) die Konflikte beitragen, die wir mit unseren Kindern erleben.

Wir lernen jeden Tag etwas Neues über uns, wenn wir in Beziehung sind. Wir entdecken neue Seiten an uns. Mal sind es Seiten, die uns total überraschen, mal Seiten, die wir lieber nicht angeschaut hätten und wieder verstecken wollen, und mal sind es Seiten, die uns voran bringen. Neue Seiten, die neue Eigenschaften mit sich bringen, neues Lösungspotential und immer das Potential uns weiterzuentwickeln und zu wachsen.

gemeinsam wachsenGemeinsam Wachsen bedeutet in der Beziehung zum Kind eben auch anzuerkennen, dass wir nicht die Experten für unsere Kinder sind, die immer am besten wissen, was gut für sie ist. Diese Haltung lässt zu, dass jeder Mensch (auch schon als Kind) selbst weiß und fühlt, was für ihn am besten ist. Wir zwingen nicht unseren Willen als Eltern auf, weil wir der Meinung sind, aus unserem Kind könne nichts Ordentliches werden, wenn es nicht seinen Teller leer ist, nicht dann schläft, wenn wir es für richtig halten, und sich nicht in einem vorgegebenem Schema entwickelt. Wir nehmen oft an, dass wir es besser wüssten, weil wir älter und erfahrener sind und natürlich können wir unsere Erfahrungen beim Lernen zur Verfügung stellen. Dennoch passen bestimmte Erfahrungen eben zu diesem anderen (neuen) Menschen nicht. Dafür sollten wir auf alle Fälle offen bleiben.

Dahinter steckt auch ein Vertrauen in die Natur (des Menschen). Das heißt, schon beim (gesunden) Baby ist alles so angelegt, dass es nach Nahrung verlangt, wenn es hungrig ist und aufhört, wenn es satt ist. Es zeigt an, wenn es Ausscheidungen hat oder wenn es ihm zu hell, zu eng, zu laut oder dergleichen ist. Ich kann mein Kind von Anfang an dabei beobachten, wie es sich wohl fühlt und es dabei unterstützen. Diese Unterstützung kann ihm dann helfen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und damit später gut für sich sorgen zu können. Dabei kann herauskommen, dass mein Kind ein ganz anderes Wärme-Kälte-Empfinden hat als ich und ich demnach nicht vorzuschreiben brauche, bei welcher Temperatur welcher Pullover angezogen werden muss. Zumal viele andere Faktoren, wie zum Beispiel das Aktionsniveau hinzukommen. Bin ich also zu starr mit irgendwelchen Vorgaben und Normen, lerne ich mein Kind nicht richtig kennen und auch das Kind selbst kann verlernen, seine wirklichen Bedürfnisse zu erkennen. So kann es zum Beispiel verlernen zu spüren, wann es satt ist, was weitreichende Folgen haben kann.

Wird echtes Interesse am Kind gezeigt, fühlt es sich besser gesehen und ernst genommen. Es vertraut uns und sich selbst, wodurch eine Grundvoraussetzung für ein gesundes Selbstwertgefühl geschaffen wird. Jesper Juul hat für Familien, in denen alle Bedürfnisse gleichermaßen ernst genommen werden, den Begriff der „Gleichwürdigkeit“ geprägt. Gleichwürdigkeit bedeutet, dass alle Menschen, egal welchen Geschlechts oder Alters* die gleiche Würde besitzen. Das heißt nicht wie beim Begriff der Gleichheit, dass alle gleich wären und gleich behandelt werden müssen. Eine Gleichbehandlung würde ja bedeuten, dass meine Bedürfnisse aus einem falsch verstandenen Gerechtigkeitssinn heraus wieder keine Beachtung finden. Dieser Fehler wird beispielsweise bei Geschwistern ganz gern gemacht. Eltern versuchen dann, um gerecht zu sein, beim zweiten Kind genau die gleichen Dinge zu tun, das gleiche Maß anzulegen und von allem gleich viel zu geben. Dabei kann jedoch übersehen werden, dass das zweite Kind ganz andere Dinge braucht als das erste, und sich mit dem, was für das erste Kind so gut war, völlig unwohl fühlt. Also auch hier gibt es wieder ganz viel Potential gemeinsam zu wachsen.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine wachstumsreiche Woche. 🙂

Signatur

*(Hier sind natürlich auch sämtliche andere Diskriminierungsmerkmale gemeint, wenn es darum geht, dass alle Menschen, die gleiche Würde besitzen. Alter und Geschlecht habe ich vor allem wegen der Familiensituation gewählt.)

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4 Gedanken zu “Warum eigentlich „Gemeinsam Wachsen“?

  1. Liebe Sabrina,
    also mich hast du überzeugt. Früher war ich auch noch eher so drauf, dass die Kinder sich unserer Gesellschaft anpassen müssen, sonst stressen sie nur ihre Mitmenschen, womit sie sich selbst keinen Gefallen tun. Hatte auch das Vergleichbild von Hunden und Kindern im Kopf, nur um mich jetzt mal schändlich zu outen. Aber selbst bei Hunden gibt es verschiedene Erziehungsmethoden. Ich hatte halt immer Angst, dass „antiautoritär“ erzogene Kinder anderen auf der Nase rumtrampeln und nur ihre eigenen Bedürfnisse ausleben ohne mal nach links und rechts zu gucken (zu meiner Verteidigung darf ich hinzufügen, dass ich einige Zusammenstöße mit dieser Einstellung erfuhr, und es wareinfach nur unangenehm und nervraubend) Hatte aber auch das Gefühl, dass autoritär erzogene Kinder nen ordentliches Defizit entwickeln und in welcher Hinsicht sich das dann auswirkt, is ja ooch so’n Roulette-Spiel.

    Bin froh, dass es dazwischen eine Mitte gibt und auch immer wieder überrascht, was ihr beide so leistet, wenn ich mir euren Umgang mit eurem Lieblingskind so anschaue.
    *mit Loorbeeren um mich schmeiß* 😉

    Hab aber mal ne Frage, die vielleicht auch noch einige Leser interessieren könnte, was sich nich um Erziehung und Familienalltag dreht.
    Ick hab jetzt noch knappe 4 Wochen Zeit mich auf mein Bewerbungsgespräch vorzubereiten. Hätte da auch janz schön viel zu erzählen. Wie bricht man das runter, oder wie verirrt man sich nich in seinen Gedanken und fängt an wirr zu erzählen. Ich will ja schließlich sicher rüberkommen.
    Hast du da Tips und Tricks?

    Liebste Grüße ins verschneite Berlin (oder?)
    Soffi Fluffke

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    1. Liebe Frau Fluffke,

      vielen lieben Dank für deinen langen und ausführlichen Kommentar. 🙂
      Also ehrlich gesagt, kann ich mit dem Begriff „antiautoritär“ selbst nicht viel anfangen und ich finde auch nicht, dass er für uns oder für das, was wir leben, passt.
      Ich denke, dass bei der Entstehung der antiautoritären Erziehung Ende der 1960er, viele gute Ideale zugrunde lagen. Kinder sollten demokratisch einbezogen werden, weil das Potential, dass in Kindern bereits früh angelegt war, erkannt wurde. Es gab ein anderes Bild vom „kompetenten Kind“. Dennoch wurde „antiautoritär“ oft völlig falsch verstanden. Es gab dann die Annahme, dass Kinder überhaupt keine „Führung“ mehr brauchen und völlig allein gelassen, ihr Ding machen könnten. Dabei handelte es sich aber für die Kinder viel mehr um Vernachlässigung. Kinder brauchen Vorbilder und emotionale Zuwendung. Sie brauchen Halt und Orientierung. Vor allem brauchen sie unsere Unterstützung, wenn sie dann neue Dinge ausprobieren. Und woran sollen sie sich orientieren, um ihre eigenen Grenzen kennen zu lernen, wenn sie nicht von ihren engsten Vertrauten, einen Rahmen dafür bekommen?

      Ich glaube, dass wir es uns tatsächlich nicht leicht machen, wenn wir die Kinder in alle Angelegenheiten, die sie betreffen, mit einbeziehen, statt einfach über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden. Punkt! Aus! Basta! Aber zum einen haben Sie ein Recht darauf (siehe Kinderrechte) und zum anderen, ist es langfristig gesehen doch einfacher, wenn die Kinder gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.
      Darum denke ich, lohnt es sich, die Zeit und Nerven zu investieren, auch wenn die Kinder dann manchmal zu laut und wild auf andere wirken. :-/

      Was deine letzte Frage angeht, bin ich mir nicht sicher, wie viele Leser*innen es interessieren könnte. Darum schreibe ich dir erst einmal eine Mail und wenn dabei was Gutes rumkommt, kann ich ja tatsächlich hier noch mal einen kleinen Artikel dazu veröffentlichen.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  2. Liebe Sabrina,
    ach jetzt verstehe ich, warum viele das Wort „Erziehung“ nicht mögen. Aber im Wort „Beziehung“ ist auch das Wort „ziehen“ 😉
    Vielen Dank für Deinen Beitrag und Dein Blick auf das Thema. Ich finde es immer wieder spannend zu sehen, wie unterschiedlich das gehandhabt wird.
    LG Wiebke

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    1. Liebe Wiebke,

      so’n Mist, ertappt! Nein, tatsächlich ist mir selbst erst beim Schreiben aufgefallen, dass in dem Wort Beziehung auch das Wort „ziehen“ steckt. 😉
      Na ja, darum heißt es bei mir ja auch „gemeinsam wachsen“ und es geht mir auch nicht in erster Linie darum, Wörter auseinanderzunehmen. Letztlich ist es ein Versuch, das Gefühl, das es auslöst, zu erklären. Aber manche Worte sind eben einfach negativ konnotiert. Und tatsächlich fällt mir manchmal auf, dass wir Eltern beispielsweise die selben Dinge tun, sie aber anders beschreiben oder bezeichnen. Und je nachdem wie ich sie dann benenne, beim Gegenüber damit andere Gefühle dazu auslöse.

      Aber ich finde die unterschiedlichen Einblicke dank deiner Linkparade auch sehr spannend. Vielen Dank dafür!

      LG Sabrina

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