Bye Bye Baby Baby

Gestern war der errechnete Geburtstermin von unserem Sternchen. Und ich kann nicht anders, ich muss die ganze Zeit daran denken und mir vorstellen, wie es jetzt wohl wäre, zu viert.

Das Lieblingskind fragt mich in letzter Zeit des Öfteren, wann denn in meinem Bauch mal ein Baby wächst. Es wünscht sich ein Geschwisterchen. Es sagt zwar, es hat schon eine Schwester – seine Puppe. Aber das ist auf Dauer ja auch langweilig.

Irgendwie scheint das Lieblingskind gerade das richtige Alter zu haben. Es war lange genug Einzelkind, hatte damit unsere ganze Aufmerksamkeit immer nur für sich und würde jetzt alles schon voll mitkriegen. Es kann mehr verstehen als wenn es erst ein oder zwei Jahre alt wäre. Anfangs wünschte ich mir immer zwei Kinder mit einem kurzen Altersabstand. Zwei Jahre hätte ich toll gefunden, weil sie dann so viel mehr miteinander anfangen könnten. So meine Idealvorstellung. Dann kam die Depression und ich dachte: „Nein, nie wieder. Ich mach das alles doch nicht noch mal. Ich bin ja nicht verrückt.“ Es war eine ziemlich heftige spät entwickelte Wochenbettdepression mit Schlafentzug, der sich wie Folter anfühlte. Wenn es hoch kam, hatte ich drei Stunden Schlaf pro Tag und regelmäßige Fluchtgedanken. Ich war also lange Zeit ziemlich sicher, dass ich das nicht noch einmal schaffen würde. Und dann kam der Tag, an dem sich Zweifel in mein „Nie Wieder“ schlichen und der erneute Kinderwunsch wuchs. Wir beschlossen also, das Abenteuer doch noch einmal zu wagen. Und vier Monate später war ich schwanger. Zwei Monate darauf dann nicht mehr. Eine Welt brach zusammen.

WolkenDabei hatte ich mir alles schon so schön ausgemalt und fing an die ersten Pläne zu schmieden. Ich fand es zum Beispiel wundervoll, dass die beiden Kindergeburtstage genau ein halbes Jahr auseinanderliegen würden und wir auch noch ein Sommergeburtstagskind hätten. Wir planten eine neue Aufteilung der Räume in unserer Wohnung und den Einbau einer großen Hochebene. Ich überlegte, wie ich dem Lieblingskind die Entwicklung des Babys im Bauch erkläre und wie ich es auf das Geschwisterchen vorbereite. Ich freute mich auf das Schwangersein und den Mutterschutz im Frühjahr und Sommer und wir überlegten, ob wir noch einmal Geburtsvorbereitung mitmachen würden oder nicht, ob wir wieder ins Geburtshaus gehen oder mal eine Hausgeburt machen würden. Ich freute mich außerdem darüber, dass ich mit einer guten Freundin zusammen schwanger war und wir beide unser zweites Kind dann ebenfalls wieder ungefähr zur gleichen Zeit bekommen würden. Das Timing war einfach irgendwie perfekt.

Und dann kam plötzlich alles ganz anders und ich konnte es nicht fassen. Ich kann mich noch gut an die panische Angst erinnern, die mich überkam, als ich plötzlich anfing zu bluten. Wie ich krampfhaft versuchte, das Baby festzuhalten und wie ich meinen Schmerz, als es zu spät war, förmlich hinausschrie. Ich litt und trauerte. Ich weiß, dass ich damit in guter Gesellschaft bin, weil auch andere Frauen (eigentlich viele andere Frauen), das gleiche durchmachen mussten, auf die ein oder andere Art. Erst kürzlich schrieb Katarina von Blogprinzessin über ihren schweren Verlust und ich konnte nicht anders, als noch einmal heftig mitzutrauern. Nachdem ich ihren Krankenhausbericht gelesen hatte, war ich erneut froh darüber, dass sich bei mir alles von allein abgelöst hatte. Diese Grobheit, die sie dort erleben musste, hätte mir noch den Rest gegeben.

Dennoch brauchte ich Zeit, um über den Verlust zu trauern. Ich war eine Woche krank geschrieben, die ich zum Trauern hatte. Im Nachhinein denke ich, habe ich zwar durchaus getrauert und viele Tränen gelassen, aber dennoch habe ich mich auch häufig mit Sitcoms und Süßigkeiten betäubt und abgelenkt. Das wird mir jetzt klar, wenn ich darüber nachdenke, warum ich immer noch so stark darunter leide und warum ich nicht endlich wieder schwanger bin. Denn ganz ehrlich, ich hätte im Traum nicht gedacht, dass ich jetzt noch nicht mal wieder schwanger wäre, wo doch der Geburtstermin noch so weit weg war. Es sind also viele Monate ins Land gegangen und es will einfach nicht mehr klappen. Nie hätte ich gedacht, dass ich mal erleben würde, wie es ist, wenn der Kinderwunsch und damit der Druck stärker werden als die Romantik und der Spaß.

Wieder kommen all die Zweifel, ob es jetzt überhaupt noch passt. Ich werde immer älter. Der Abstand zwischen den Geschwistern wird immer größer. Das hetzt mich so und macht mich unendlich traurig. Auch zuzuschauen, wie eine Bloggerin und Freundin nach der anderen schwanger wurde und die ersten Babies bereits geboren wurden, versetzt mir einfach immer wieder einen Stich.

Ich gönne meinen Freundinnen wirklich ihr Glück von Herzen und freue mich ehrlich über jeden neuen kleinen Erdenbürger. Aber warum kann nicht auch mal einer davon mein Baby sein? Ich hoffe, dass ich mit diesem besonderen Datum nun damit abschließen kann, dass ich alle Trauer durchlebt habe, um geheilt zu sein. Ich möchte wieder loslassen können und vertrauensvoll nach vorn schauen sowie das Hier und Jetzt ohne Erwartungsdruck mit meinen liebsten Menschen genießen.

Und darum schließe ich heute mal mit einem Achtsamkeitszitat:

Sei gegenwärtig in allem, was du tust:
die einzige Wirklichkeit ist jetzt.
Solange du Vergangenem nachhängst
oder Zukünftigem nachstellst,
bist Du nicht wirklich hier, am Leben.“

Signatur

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6 Gedanken zu “Bye Bye Baby Baby

  1. Ich umarme Dich und sende Dir viel Kraft, um den Schmerz zu verarbeiten und Geduld für die kommende Zeit. Bei uns hat es lange gedauert, bis der Große zu uns wollte, irgendwie scheint der Körper mancher Frauen nach so einem Verlust tatsächlich zu blockieren. Ich wünsche euch, dass es klappt, wenn ihr es selbst so sehr wollt. Den Altersabstand fänd ich übrigens klasse, ich habe sehr oft mit unseren 26 Monaten Abstand gehadert, das war mega anstrengend. Aber ich weiß natürlich aus eigener Erfahrung, dass es sehr schmerzhaft ist, wenn alle anderen schwanger werden und man selbst nicht.
    Alles Gute und liebe Grüße!

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    1. Vielen lieben Dank! Dein Kommentar gibt mir wirklich Hoffnung. 🙂 Es wird vermutlich alles genau so kommen, wie es für uns am besten ist. Letzten Endes sind ja doch alle Familien total unterschiedlich und ich muss mich einfach mal von irgendwelchen Idealvorstellungen lösen.
      Liebe Grüße
      Sabrina

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