Unser Kind ist doch nicht von schlechten Eltern?!

Zum Ende der letzten Woche gab es in der Kita gleich zwei Situationen, die uns als Eltern ein richtig schlechtes Gefühl gaben und ich weiß nicht, ob es so gemeint war. Aber mich hatte das sehr verletzt.
Das Lieblingskind war zum Ende der Woche ziemlich mies drauf. Es stänkerte wo es nur konnte und war für seine Umgebung echt anstrengend. Ich möchte es nicht entschuldigen, wenn es so aussieht als ob es sinnlos andere Kinder ärgert, schubst oder mit Sand bewirft. Aber es tut dies ja eben nicht grundlos. Wenn es in der Kita den ganzen Tag kooperiert, eine Regel nach der anderen befolgen muss und von anderen Kindern auch geärgert wird, stößt es irgendwann an seine Grenzen. Wie es bei jedem Kind (jedem Menschen) der Fall ist. Der Kita-Alltag ist durchaus anstrengend für die Kleinen. Warum wird hier nicht gesehen, wie sehr die Kinder den ganzen Tag kooperieren – wie sie stundenlang ihren eigenen Willen, dem Willen der Erzieherinnen oder dem Wohl der Gruppe unterordnen? Manche Kinder zeigen dann, wenn es ihnen zu viel geworden ist, ihren Ärger ganz offensiv und lassen ihn an anderen aus und andere Kinder schlucken Ärger herunter und werden eher depressiv.
Das Lieblingskind gehört zur ersten Sorte und ich bin froh darüber. Er ist nicht das bravste Kind und bringt uns damit häufig an unsere Grenzen, aber es ist ehrlich und direkt und wir können damit umgehen und ihm Alternativen beibringen.

Doppelpirat

Krass war jedoch das Gespräch, das der Lieblingsmann am Donnerstag mit einer Erzieherin führen musste, die leider selbst so gar nicht zuhören und ausreden lassen kann, nicht einmal nach wiederholter Bitte, ausreden zu dürfen. Ebenjene Erzieherin erklärte meinem Mann, dass unser Kind unsozial und egozentrisch sei und dass es andere Kinder massakriere. Das war ihre tatsächliche Wortwahl. Überdies ging sie davon aus, dass wir ihm nicht sagen, dass es nicht in Ordnung sei zu hauen oder mit Sand zu werfen. Sie war tatsächlich überrascht, als mein Mann ihr sagte, dass wir ihm auch nicht erlauben, andere mit Sand zu bewerfen. Das alles zusammengenommen ist so unprofessionell, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Zum einen, was denkt sie von uns? Dass es uns egal ist, ob andere Kinder unter ihm leiden? Sie sollte uns doch ein wenig kennen. Zum anderen, was ist das für eine Wortwahl? Egozentrisch? Kinder sind noch nicht egozentrisch. Kinder kooperieren immer und werden laut Jesper Juul zu egozentrischen Erwachsenen, wenn sie zu viel kooperiert haben. Unsozial? Mein Kind kann vielleicht hin und wieder ein Stinkstiefel sein, aber unsozial ist es ganz bestimmt nicht. Es kann teilen, es macht seinen Freunden gern Geschenke, es kann mitfühlen und sich entschuldigen, wenn es ihm wirklich Leid tut. Und wie um zu beweisen wie sozial und empathisch es ist, überließ es am Wochenende sogar einem fremden Kind die Schaukel, nachdem es selbst lange auf die Schaukel gewartet hatte und sich zuvor schon über einen Vordrängler geärgert hatte, weil das andere Kind weinte. Es gab viele weitere dieser schönen Beispiele am Wochenende, als es endlich entspannen und sich freier bewegen konnte.

In der Regel geben viele Erwachsene Kindern gar nicht erst die Chance und die Zeit, sich von allein zu entschuldigen, zu bedanken oder was ihnen sonst noch so wichtig ist. Nein, es wird sofort verlangt, „Entschuldige dich!“ Und dabei ist es ihnen offenbar ganz egal, ob die Entschuldigung ernst gemeint ist oder nicht. Sie verlangen regelrecht, dass das Kind lügt und übersehen auch, wie sich das andere Kind dabei fühlt, wenn es eine halbherzige oder schlechte Entschuldigung annehmen muss. Aber über das Entschuldigen wurde an dieser Stelle schon ein sehr schöner Beitrag geschrieben, weshalb ich das hier nicht weiter ausführen möchte. Ich glaube eher manchmal, dass Erwachsene oder Eltern nicht wissen, wie sie sonst damit umgehen sollen und glauben, dass es von den anderen Eltern und Erwachsenen erwartet wird. Sie wollen den anderen Erwachsenen damit zeigen, dass sie wissen was sich gehört und übersehen dabei, wie unempathisch sie sogar beiden Kindern (dem aggressiven und dem betroffenen) gegenüber sind.

Das bringt mich zur zweiten Situation. Das Lieblingskind hatte am Freitag ein kleineres Kind aus der Kita aus vollem Überschwang heraus und mit voller Absicht geschubst. Es kann das Kind nicht leiden, was ihm natürlich nicht das Recht gibt, dies zu tun. Der Papa des Kleinen war geschockt und fragte auch gleich, warum er das denn gemacht habe, was das soll und ob er nicht weiß, dass man sich da entschuldigt oder ob er so etwas nicht lerne.
Und ich dachte nur: Danke, der letzte Kommentar ging ja dann wohl an meine Adresse. Ob er so etwas nicht lerne? Warum denken denn plötzlich alle, dass wir unserem Kind nicht erklären, was richtig und falsch, was gut und angebracht ist und was total daneben ist? Natürlich lasse ich eine solche Situation nicht im Raum stehen und rede mit ihm darüber. Zunächst einmal wollte ich auch wissen, warum es das überhaupt getan hatte. Die simple Antwort in diesem Moment war, dass er das Kind nicht leiden könne. Ich sagte ihm natürlich, dass es ihm nicht das Recht gibt, seinen Ärger an ihm auszulassen und ihn zu schubsen. Ich mache ihm auch immer deutlich, wie es dem anderen Kind damit geht. Und ich zeige ihm die Perspektive auf, wie es ihm gehen würde, wenn andere so etwas mit ihm machen. Wobei das oft genug der Fall war, weshalb es sich gut reinversetzen kann, wie es ihm damit ginge. Vor allem ist es aber wichtig, auch hier Empathie zu zeigen, versuchen zu verstehen, wie es dazu kommen konnte. Was hatte es für einen Tag? Ist es wütend, frustriert, traurig? Was braucht es eigentlich? Welches Bedürfnis wurde hier eigentlich nicht erfüllt? Wenn ihm keine Empathie entgegen gebracht wird, kann ich auch nicht verlangen, dass es Empathie für andere aufbringt.
Dennoch ist klar, dass das Lieblingskind sich dann, wenn es ihm (daraufhin) wirklich Leid tut, von allein darauf kommt, dass es sich entschuldigen oder sogar wiedergutmachen kann, je nachdem was passiert war. Dann ist es echt, kommt von Herzen und das andere Kind fühlt sich wirklich wieder besser.
Vielleicht hat der Papa des kleinen Jungen die Bemerkung gar nicht wirklich an meine Adresse gerichtet, denn er kennt mich oder uns ja gar nicht. Es war nur ziemlich blöd ausgedrückt und hat mich nach dem Kommentar der Erzieherin ziemlich verletzt.

Zurück zur Erzieherin: Wenn sie sich (im selben Gespräch) beschwert, dass unser Kind an dem Tag schon 35 Mal mit Sand geworfen habe, dann frage ich mich eher, wieso sie so etwas zulassen? Erstens machte sie hier vermutlich wieder mit Übertreibung anschaulich und zweitens ist es genauso wenig in Ordnung, ihn so lange mit Sand werfen zu lassen. Natürlich müssen dann auch die anderen Kinder geschützt werden. Und das geht nur mit Präsenz. Da hilft es natürlich nicht, immer von weitem etwas zuzurufen oder rumzudiskutieren. Ich muss dann zu dem Kind hingehen und klar sagen, dass das nicht geht. Dass ich nicht länger zulassen kann, dass die anderen Kinder weiter geärgert werden. Ich kann fragen, was eigentlich los ist? Ob es wütend ist und warum? Und dann kann ich ein Angebot machen, um zu zeigen, dass ich sehe, dass es ihm gerade nicht so gut geht und es vermutlich gerade keine Lust darauf hat, mit den anderen zu spielen und fragen, ob es lieber am Tisch etwas malen will. Es wäre einfach hilfreich sein Bedürfnis, das dahinter steckt herauszufinden und darauf einzugehen. Damit ist allen geholfen. Das Kind wird ernst genommen und fühlt sich endlich verstanden und gesehen, statt permanent verurteilt. Denn eins ist doch wohl klar: Das Bedürfnis ist nicht, andere mit Sand zu bewerfen. Das ist lediglich ein Ausdruck dafür, dass es sich gerade nicht anders zu helfen weiß.

Und Gott sei Dank, ist nicht jeder Tag so und haben nicht alle Erzieherinnen  so eine schräges Menschenbild bzw. eine solche Sicht auf Kinder. Wenn ich mich dafür interessiere, was das Kind gerade hat, warum es ihm vielleicht nicht gut geht (denn genau das zeigt es doch mit seinem Verhalten klar und deutlich), kann ich mich ihm doch zuwenden und Hilfe anbieten. Ich kann vor allem Alternativen aufzeigen, wie es das nächste Mal besser ausdrücken kann, dass es etwas anderes braucht, ohne andere dabei zu verärgern oder zu verletzen. Es sind immerhin Kleinkinder, die das gerade erst lernen. Um es lernen zu können, brauchen sie gute Vorbilder, die ihnen Ehrlichkeit, Höflichkeit und einen guten Umgang mit Gefühlen vorleben und die sie ernst nehmen und mit Respekt behandeln.
Das Kinderbild, das hinter „egozentrisch“ „unsozial“ und „massakrieren“ steckt, ist dabei nicht gerade hilfreich, sondern viel mehr hinderlich.

Und jetzt werfe der- oder diejenige, dessen Kind noch nie gehauen oder mit Sand geworfen hat, bitte den ersten Stein. 😉

Signatur

Advertisements

2 Gedanken zu “Unser Kind ist doch nicht von schlechten Eltern?!

  1. Hi Sabrina,
    Einen sehr schönen Text hast du da geschrieben. Ich werfe zwar nicht den ersten Stein, aber meine Tochter hat im Kindergarten tatsächlich noch nicht gehauen. Meine Tochter strengt sich im Kindergarten sehr an. Sie ist da immer lieb und angepasst. Sobald sie zu Hause ist bzw wenn ich da bin lässt sie sich fallen. Mit 1,5 Jahren hatte sie mal ne Phase da hat sie mich gehauen. Zur Zeit muss ab und zu mal ihre 11 jährige Schwester dran glauben. Aber ansonsten ist sie leider immer die die geschlagen wird. Ich versuche ihr gerade beizubringen das sie sich verbal dagegen wehrt. Ist wohl alles nicht so einfach. Was hältst du eigentlich davon als Erwachsener ein Kind zu schlagen? Ich denke mal nicht das du selbst das gut findest, aber was würdest du machen wenn du sehen würdest das Eltern ihr Kind schlagen? Liebe grüße

    Gefällt mir

    1. Liebe Cizoba,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kenne auch kleine Mädchen aus der Kita, die in der Kita eher gar nicht auffallen, lieb und angepasst sind, um dann alles zu Hause rauszulassen. Da finde ich es gut, wenn sie es wenigstens überhaupt irgendwo rauslassen können. Zu Hause herrscht dann eben eine sehr viel vertrauensvolleres Atmosphäre.
      Spannende Frage, die du zum Ende stellst. Natürlich halte ich nichts davon Kinder zu schlagen. Ich halte nichts von Gewalt jeglicher Art. Da es sich beim Schlagen von Kindern eindeutig um Körperverletzung handelt, die strafbar ist, würde ich es auf jeden Fall ansprechen. Auf welche Weise ich das tun würde, hängt von der Situation ab. Kenne ich die Personen, würde ich wohl ein ausführliches Gespräch suchen. Beobachte ich so etwas auf der Straße, halte ich es in dem Fall auch für wichtig, die Person anzusprechen und darauf hinzuweisen, dass das Schlagen von Kindern strafbar ist. Hier handelt es sich ja nicht um eine blöde Einmischung mit „gutgemeinten“ besserwisserischen Ratschlägen, die meiner bloßen Meinung entsprechen, sondern um eine eindeutige Kindeswohlgefährdung. Zudem sollte das Kind mitbekommen, dass es nicht selbst Schuld daran ist, dass es so schlecht behandelt wird und dass andere Menschen auf es mit aufpassen. Sollte man mitbekommen, dass ein Kind wiederholt geschlagen wird, ist auf jeden Fall das Jugendamt zu verständigen. Es gibt natürlich auch schlimme psychische Gewalt durch Erwachsene, die das Kindeswohl ebenfalls massiv gefährden. Aber das fällt natürlich nicht so schnell und offensichtlich auf. Ich hoffe, das beantwortet deine Frage ausreichend.
      Liebe Grüße
      Sabrina

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s