Warum mein Kind nicht gehorchen muss!

Natürlich wünsche auch ich mir, dass mein Kind das macht, worum ich es bitte und dass es sich an Regeln hält und nicht durch große Szenen auffällt. Am liebsten wäre es mir auch, dass alle immer machen, was ich mir wünsche, dass das Lieblingskind und der Lieblingsmann immer auf mich hören und es immer nach mir geht. Wie herrlich einfach wäre das Leben. Na ja, vielleicht wäre das aber auch langweilig. Und meistens finden wir auch zu einer Einigung, mit der wir alle gut leben können. Jeder von uns hat nun mal seine eigenen Wünsche und Vorstellungen. Es ist nicht möglich, dass immer nur einer sich durchsetzt und die anderen gehorchen müssen. Genauer gesagt ist es nicht möglich, ohne dass die, die gehorchen, sich selbst aufgeben und einfach ausgedrückt unglücklich werden. Irgendwann werden sie sich dann vielleicht abwenden – sei es nur innerlich oder sei es, dass sie tatsächlich gehen und nichts mehr mit einem zu tun haben wollen.

8. Kind am ZaunMeistens gelingt es aber, dass das Lieblingskind unseren Bitten nachkommt, vielleicht nicht immer sofort – wie ich es gern hätte – aber es gelingt wie bei den meisten Kindern. Dass es manchmal nicht klappt, hängt von vielen verschiedenen Dingen ab, die mal völlig nachvollziehbar sind (wie Müdigkeit oder Ärger in der Kita mit Freunden) und manchmal eben weniger nachvollziehbar. Einen Grund hat das Kind jedoch immer, wenn es wütend, frustriert oder verzweifelt wird. Und wenn ich von dieser Grundanahme ausgehe, nehme ich mein Kind ernst und versuche es zu verstehen. Wenn ich ihm aber etwas aufdrücke, was in seiner momentanen Verfassung absolut kontraproduktiv ist, sind ein Wutanfall und Frust vorprogrammiert.

Ich zucke jedoch jedes Mal zusammen, wenn jemand zu mir meint: „Jetzt muss er aber doch langsam mal gehorchen“. Allein dieses Wort löst in mir körperliches Unbehagen aus. Wir leben glücklicherweise nicht mehr in einer Gesellschaft, in der (blinder) Gehorsam verlangt wird. Die Zeit in der Gehorsam, Disziplin und Unterordnung die wichtigsten Ziele der Erziehung waren, war eine Zeit, in der die Gesellschaft aus ganz anderen Machtstrukturen als heute bestand. Es war die Zeit der Industrialisierung, die notwendigerweise die Werte Unterordnung, Pünktlichkeit, Fleiß, Gehorsam mit sich brachte. Zu dieser Zeit gab es eine militaristische Gesellschaft mit einer klaren Hierarchie. Um diese zu erhalten, war es notwendig, die Erziehung so anzulegen, dass diese Werte und die Machtegefüge erhalten bleiben konnten. Ebenso in der Zeit des Nationalsozialismus. Da brauchte man keine Menschen, die selbständig und autonom waren, die sich ihre eigenen Gedanken machten und eigene Werte entwickelten, die ausgeprägte Empathie und Mitgefühl entwickelten. Im Gegenteil, dann hätte diese Gesellschaftsform ja nicht mehr funktioniert.

Diese Werte haben sich jedoch im Laufe der Jahrzehnte grundlegend verändert. Es kamen Zeiten, in denen alles sogar ganz und gar umgekehrt wurde und eine antiautoritäre Erziehung alte Wunden heilen sollte, indem man die eigenen Kinder tun ließ, was immer sie gerade wollten. Dabei verlor man jedoch aus den Augen, dass sie nicht nur Dinge wollen, sondern auch brauchen. Und was Kinder prinzipiell brauchten, bekamen sie nicht, indem man sie einfach machen ließ, sondern indem man für sie da war und einen sicheren Rahmen bot.

Heute, mit all den Studien und Forschungen zu kindlichen Bedürfnissen, zur Entwicklung, zur Hirnforschung, ist es für mich mehr als verwunderlich, dass so wenig davon Mainstream ist. Es verwundert mich sehr, dass es so viele Erziehungsratgeber gibt, die noch immer Disziplin und Gehorsam fordern und dabei auf denkbar schlechte Methoden und Strategien zurückgreifen, die nicht nur nicht funktionieren, sondern zum großen Teil sogar, mit der Einführung der Kinderrechte, gesetzlich verboten sind.

Kinder haben zum Beispiel ein Recht auf Beteiligung, das heißt, Kinder dürfen immer ihre Meinung sagen und mitbestimmen, wenn es um sie geht und darauf, dass ihre Meinung auch beachtet wird. Umso selbstverständlicher sollte es sein, dass Kinder in ihrem Alltag ganz normal ihre Meinung zu allen sie betreffenden Entscheidungen sagen können. So gibt es Situationen, in denen selbst Kleinkinder bereits völlig allein entscheiden können, z. B. ob sie lieber Müsli oder Brötchen zum Frühstück essen wollen, welche Hose sie lieber anziehen wollen und Situationen, in denen sie zwar nicht allein entscheiden können, aber ihre Bedenken in der Diskussion zumindest Berücksichtigung finden. In der Regel reicht es, wenn sie gehört werden und sich verstanden fühlen, damit sie eine Entscheidung akzeptieren. Wenn sie aber ohne Erklärung vor vollendete Tatsachen gestellt werden und ihren Unmut noch nicht einmal äußern dürfen, ist es nicht verwunderlich, dass es zum Streit kommt.

Manchmal brauchen sie Hilfe dabei, ihren Unmut richtig auszudrücken und nicht aus Wut zu hauen oder Dinge kaputt zu machen. Dafür braucht es Geduld und Verständnis. Es wird in diesem Fall zu gar nichts führen, wenn das Kind dafür bestraft wird, dass es einen Wutanfall hat. Warum? Strafen machen in der Regel noch wütender, weil sie gleichzeitig auch noch ihre Machtlosigkeit unter die Nase gerieben bekommen. Das ist bedenklich, denn

Wenn wir Kinder dazu bringen, sich machtlos zu fühlen, weil wir sie zwingen, sich unserem Willen zu unterwerfen, löst das oft heftige Wut aus, und nur weil diese Wut im Augenblick nicht zum Ausdruck gebracht werden kann, bedeutet es nicht, dass sie verschwindet. Was mit der Wut geschieht, hängt von der Persönlichkeit des Kindes und den genauen Umständen ab.“ (Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit)

Es kann zum Beispiel dazu führen, dass sie die angestaute Wut mit in die Schule oder auf den Spielplatz bringen und an ebenfalls Schwächeren abreagieren. Dabei werden die Kinder immer besser darin werden, sich nicht dabei erwischen zu lassen, um weiteren Strafen zu entgehen. Sie kann sich aber auch gegen sie selbst richten und ein Gefühl von Minderwertigkeit und Schuldgefühlen hinterlassen.

Im Grundgesetz wurde im Jahr 2000 das Recht auf gewaltfreie Erziehung verankert. Seitdem steht in §1631 (2) des BGB „Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen sind unzulässig“. Darunter zählt nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch psychische Gewalt. Das heißt, wenn ich ein Kind durch Worte immer wieder erniedrige und seine Würde verletze, wird das Kind daraus allenfalls lernen, dass es nur etwas wert ist, wenn es sich dem Willen anderer (z. B. seiner Eltern) unterwirft. Es nimmt an: „Meine Eltern (Lehrer, Erzieher, Großeltern) wollen mich nur um sich haben und schenken mir nur Aufmerksamkeit, wenn ich genau das tue und sage, was sie von mir verlangen. Ich darf nicht ich selbst sein. Ich werde nicht gesehen mit meinen eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Gefühlen. Sie spielen keine Rolle.“

Das heißt keinesfalls, dass Eltern, die althergebrachte Erziehungsmethoden anwenLiebe und Eigenständigkeitden, ihre Kinder nicht abgöttisch lieben. Die Kinder spüren nur leider nicht viel davon. Für sie ist die Liebe und Aufmerksamkeit immer an Bedingungen geknüpft. Sie fühlen sich nur geliebt, wenn sie sich auf eine ganz bestimmte Art und Weise zeigen. Dabei spielt grundsätzlich nur das Verhalten des Kindes eine Rolle und nicht die Persönlichkeit dahinter. Oftmals wird einfach ignoriert oder gar nicht erst bewusst gemacht, dass das Kind schon eine Persönlichkeit ist – ein fertiger Mensch mit einer eigenen Würde, einer eigenen Mentalität sowie eigenen Wünschen und Gefühlen.

Wenn Kinder also auf eine bestimmte Art reagieren, entspricht die Reaktion ihrem aktuellen Bedürfnis und ihrem Gefühl und es lohnt sich das anzuschauen. Kinder sind noch sehr authentisch und echt in dem, was sie ausdrücken. Sie spielen uns nichts vor, und darüber sollten wir glücklich sein. Denn sie helfen uns damit ganz entscheidend, sie kennen zu lernen und damit besser auf sie eingehen zu können.

Warum Bestrafung als Erziehungsmethode völlig ungeeignet ist, hat Alfie Kohn in seinem Buch „Liebe und Eigenständigkeit“ sehr schön zusammengefasst:

  • Sie macht Menschen wütend. (Siehe oben)
  • Sie ist ein Vorbild für den Gebrauch von Macht. (Was Kinder lernen sollten – die eigentliche Lektion – spielt eher keine Rolle. Was sie tatsächlich lernen ist: dass die wichtigsten Menschen in ihrem Leben, Probleme zu lösen versuchen, indem sie Macht anwenden, um andere unglücklich zu machen und sie zur Kapitualation zu bewegen; genauso wie ihre Feindseligkeit nach außen hin auszudrücken.)
  • Sie verliert mit der Zeit ihre Wirksamkeit. (Wenn Kinder älter werden, wird es immer schwieriger noch ausreichend Unangenehmes zu finden, dass man ihnen zufügen kann. Es wird zu immer härteren Maßnahmen gegriffen, statt die Methode Strafe und ihre Wirksamkeit an sich in Frage zu stellen.)
  • Sie untergräbt die Beziehung zu unseren Kindern. (Wenn wir strafen , machen wir es unseren Kindern schwer, uns als liebevolle Verbündete zu sehen, was für eine gesunde Entwicklung unabdingbar ist, stattdessen werden wir – in ihren Augen – zu Vollstreckern, denen sie lieber aus dem Weg gehen sollten.)
  • Sie lenkt Kinder von den wichtigen Dingen ab. (Der Hintergrund für die Verhängung einer Strafe (wie Auszeit oder Hausarrest) ist ja der, dass die Eltern hoffen, die Kinder würden darüber nachdenken, was sie falsch gemacht haben. Aber welches Kind tut das? Es wird doch wohl viel eher darüber nachdenken, wie gemein die Eltern sind und wie unfair die Strafe ist, vielleicht auch wie sie sich dafür rächen können. Und es wird sicherlich darüber nachdenken, wie es der Strafe beim nächsten Mal entgehen kann, indem es die Fähigkeit perfektioniert, einer Entdeckung zu entgehen. Damit dient es auch als starker Anreiz zu lügen. Denn Kinder, die nicht bestraft werden, haben weniger Angst zuzugeben, wenn sie etwas getan haben.)
  • Sie macht Kinder egozentrisch. (Je mehr wir auf Strafkonsequenzen zurückgreifen, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder darüber nachdenken, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf andere Menschen hat. Dagegen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Kosten-Nutzen-Anlalyse durchführen, das heißt, dass sie das Risiko erwischt zu werden gegen das verbotene Vergnügen abwägen.)

Diese Überlegungen sollte man in Betracht ziehen, wenn das eigentliche Ziel ist, Kinder zu selbstbestimmten, ethisch handelnden, intellektuell neugierigen und beziehungsfähigen Menschen heranwachsen zu lassen. Aber auch, wenn das Ziel sein sollte, dass die Kinder gehorchen, ist die Methode aus den beschriebenen Gründen eher ungünstig. Gehorsam an sich funktioniert nur durch Gewalt und Angst. Da die meisten von uns nicht wollen, dass die Kinder Angst vor uns haben und Angst nicht mehr mit Respekt verwechseln, funktionieren die alten Methoden auch nicht mehr.

Wir müssen in unserer Erziehung kreativer werden. Wir müssen wirklich in Beziehung gehen und die Kinder ernst nehmen und ebenso mit Respekt behandeln, wie wir auch behandelt werden wollen. Wir sind ihre Vorbilder und sie werden uns daher ohnehin alles nachmachen. Darum lohnt es sich, auf sich selbst zu schauen. Lebe ich meinem Kind eigentlich vor, was ich von ihm verlange? Stelle ich manchmal Regeln auf, die völlig unpassend sind (weil sie noch gar nicht dem aktuellen Entwicklungsstand entsprechen oder weil sie wirklich überhaupt nicht zu meinem Kind oder zu unserer Familie passen, sondern ich sie einfach unreflektiert übernommen habe) und die es deshalb überhaupt nicht befolgen kann?Jesper Juul Bücher

Erziehung ist heute viel mehr Beziehung und das bedeutet, dass wir gemeinsam wachsen, dass wir uns gemeinsam weiterentwickeln als Familie. Mit diesem Hintergrund ist es vielleicht nicht immer ganz leicht, aber auf jeden Fall wesentlich spannender und lebendiger. Vor allem aber fühlt es sich für alle Beteiligten wesentlich liebevoller, freundlicher und echter an. Wir müssen als Eltern keine Rolle (z. B. als Vollstrecker) spielen und das Kind muss uns nichts vormachen, weil es Angst vor uns (bzw. vor Konsequenzen) hat. Wie dem zu entnehmen ist, gibt es eigentlich kein Rezept, wie man Kinder dazu bringt, gute Menschen zu werden, auf uns zu hören oder sonstige Ziele zu erreichen. Dennoch gibt es ein paar Grundsätze, die zu einer gelingenden Eltern-Kind-Beziehung führen und unseren Kindern zu zeigen, dass wir sie bedingungslos lieben.

Es fängt damit an, dass wir unsere Kinder ernst nehmen und uns fragen, welche Bedürfnisse unser Kind hat. Oder auch damit, dass wir mal versuchen, die Perspektive des Kindes einzunehmen, uns bewusst von unserer Sichtweise lösen und die Situation oder die Welt noch einmal mit seinen Augen betrachten: Wie wirke ich wohl gerade auf das Kind oder wie klinge ich wohl in seinen Ohren?

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Zum Weiterlesen:

  • Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit
  • Jesper Juul: Die Kompetente Familie
  • Jesper Juul: Dein kompetentes Kind
  • Jesper Juul: Nein aus Liebe
  • Herbert Renz-Polster, Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen
  • Herbert Renz-Polster: Menschenkinder
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Ein Gedanke zu “Warum mein Kind nicht gehorchen muss!

  1. Es scheint mir, als würden den verschiedenen Arten, Kinder großzuziehen (und auch ganz allgemein zwischenmenschlich miteinander umzugehen), verschiedene Grundannahmen zugrunde liegen. Das eine ist die Annahme, dass Menschen von außen erst zu etwas gemacht werden müssen, was sie noch nicht sind aber sein sollten (notfalls mit Gewalt, aber letztendlich eben zu ihrem eigenen Besten), dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit des „Erziehers“ ebenso wie des Kindes auf Defizite (und vermehrt diese dadurch).

    Die andere Ausgangsposition nimmt Menschen und natürlich auch schon kleine Menschen als bereits perfekte Individuen wahr, die eine eigene Persönlichkeit haben, eigene Vorlieben, Wege, Herangehensweisen und auch Ziele – und sich von innen heraus mit Zunahme an Lebensjahren und Erfahrungen ganz von selber weiter entwickeln, hier werden vorhandene Potentiale beachtet und somit verstärkt. Letzteres ist auch mein Ansatz, die Welt und ihre Lebewesen zu betrachten – und ihnen natürlich behilflich zu sein bei Dingen, die sie möchten, aber (noch nicht) alleine können.

    Dass verschiedene Menschen verschiedene Wege gehen, werden somit auch Kinder ganz von selber lernen, denn natürlich bedeutet sie ernst zu nehmen auch, ihnen nicht in allem zustimmen zu müssen und auch eigene Frustrationen nicht verstecken zu müssen.

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