Hochsensibilität – Mit (zu) viel Gefühl

Als ich das Blog startete, tat ich das mit dem Wunsch, einen Eltern-Blog zu haben, der sich vor allem aus der Sicht einer hochsensiblen Mutter präsentiert. Dies ist mir bisher nicht sonderlich gut gelungen, was mehrere Gründe hat. Zum einen traute ich mich irgendwie nicht so richtig an das Thema heran, um nicht am Ende doch wieder die „Memme“, „Heulsuse“, „Mimose“ und „Unverstandene“ zu sein, wo ich es doch so gut geschafft habe, mich anzupassen und nicht mehr groß aufzufallen.

Auf der anderen Seite wusste ich nie, wie ich dieses Thema beginnen soll. Erst mal mit Fakten zum Thema Hochsensibilität und Hochsensitivität? In dem Fall dachte ich, würde ich viele Leser*innen vielleicht langweilen, die etwas Persönlicheres lesen wollen.

Und dann stellte ich nach und nach fest, dass das gar nicht neu wäre. Ich war so überrascht festzustellen wie viele hochsensible Bloggerinnen es bereits gibt, die das auch zum Thema machen. Also keine neue Nische für mich. Die habe ich wohl verpasst. Macht nichts. Ich bin froh darüber, dass dieses Thema mittlerweile so bekannt ist. Denn es gibt ihn einfach, den Menschenschlag, der mehr fühlt, mehr wahrnimmt, mehr zu verarbeiten hat und das mit einem deutlichen Abstand zu „Normalsensiblen“. Es gibt diese Menschen, die als Kinder häufig zu hören bekamen „Jetzt stell dich nicht so an!“ „Ist die immer so sensibel?“ „Sei doch nicht so überempfindlich!“ „Was du schon wieder hast.“ und die vor allem durch die Attribute „Sensibelchen“, „Mimose“, „Memme“ und „Heulsuse“ beschrieben wurde. Und dann wurde alles in Frage gestellt. „Was du wieder riechst. Du hast bestimmt was in der Nase.“ „Was du wieder hast.“ „Was du wieder zu hören/sehen/riechen meinst.“ …

Trotz allem habe ich weder meine Wahrnehmung, noch die der anderen in Frage gestellt. Ich habe mich immer nur darüber gewundert. Ich wunderte mich, warum die anderen so gemein zu mir waren. Ich bin einfach immer, immer, immer davon ausgegangen, dass sie natürlich das gleiche fühlen und wahrnehmen wie ich. Ich kam überhaupt nicht auf die Idee, dass sie einige Dinge einfach nicht bemerken oder wahrnehmen. Entsprechend war es für mich nicht nachzuvollziehen, warum sie dann so gemeine Sachen sagten und mir das Gefühl vermittelten, ich sei irgendwie nicht ganz richtig. Es musste für sie doch genauso kalt oder heiß oder stickig oder schmerzhaft oder laut … oder … oder … sein. Wieso können sie das also so viel besser aushalten als ich? Sie müssen wohl alle sehr viel stärker sein.

Als ich zum ersten Mal mit dem Thema Hochsensibilität in Berührung kam, war ich einfach nur glücklich. In meinem Träger wurde eine Fortbildung zu diesem Thema angeboten und ich weiß noch wie ich nur diesen Begriff las und völlig überrascht dachte „Es gibt ein Wort für Menschen wie mich???“

Ich habe keine Sekunde gezweifelt, dass dieses Wort etwas mit mir zu tun haben würde und war so heiß darauf endlich zu erfahren, was es damit auf sich hat. Die Fortbildung enttäuschte meine Erwartungen nicht. Sie gab mir ein Aha-Erlebnis nach dem Anderen. Und ich war einfach nur selig. Denn was das Beste daran war: So falsch bin und war ich gar nicht. Denn es gibt noch mehr Menschen, denen es ganz genauso ging und geht wie mir. Natürlich waren sämtliche Kolleg*innen dort versammelt, auf die diese Beschreibung ebenso zutraf. Im Raum befanden sich daher mit etwa 50% der Teilnehmer*innen mehr Hochsensible als es durchschnittlich in der Gesellschaft der Fall ist. Da wird von einer ungefähren Zahl von 20 % ausgegangen.

Das Beste aber war, dass es sich dabei nicht um eine Krankheit handelt, sondern lediglich um die Beschreibung eines bestimmten Menschenschlages. Das heißt, selbst die „Reizfilteroffenheit“, unter der Hochsensible „leiden“, wird neutral als „Offenheit“ bezeichnet und nicht wie in der Psychologie als „Reizfilterstörung“. Diese beschreibt, dass die HSP (Highly Sensitive Person) sämtliche Reize gleichzeitig und gleichwertig wahrnimmt (Temperatur, Schmerz, Geräusche, Gerüche, Visuelle Reize etc.), ohne diese nach Wichtigkeit oder Relevanz zu filtern. Entsprechend brauchen sie mehr Ruhe, um sie verarbeiten zu können, was Kinder oft als „Träumerle“ erscheinen lässt. Oder sie sind eben völlig überreizt, was ihre Umwelt deutlich zu spüren bekommt.

Verträumt war ich auch immer. Allerdings traf auf mich zusätzlich noch die Beschreibung der HSP/HSS zu. HSS steht für High Sensation Seeker und meint einfach, dass man immer auf der Suche nach Neuem, Interessanten und Inspirierenden ist. Beziehungsweise war ich schon immer extrem begeisterungsfähig und interessierte mich für alles, was mir vor die Nase kam. Und dann auch noch sofort. So lese ich grundsätzlich mehrere Bücher parallel, weil ich nicht warten kann, bis eins fertig ist, um mit dem nächsten Thema zu beginnen. Ich habe sämtliche künstlerische Bereiche abgegrast, von bildender Kunst, über Theater bis hin zu Schauspiel und Gesang. Ich habe Gitarre gespielt und hätte vermutlich bald wieder damit aufgehört, um auch noch Klavier oder etwas anderes zu lernen, wenn meine Eltern mich nicht zum Durchhalten gezwungen hätten. Das Leben ist einfach zu bunt, vielfältig und kurz als dass man abwarten könnte, alles zu sehen, zu erleben und zu erfahren.

I’m sitting on the moodswing, haha.

So war ich vielleicht erst ein Jahr in meinem Leben, ohne ein Studium, eine Aus- oder Weiterbildung. Ich möchte am liebsten noch 7 Fremdsprachen lernen, habe beim Radio gearbeitet und bin viel gereist. Und alle diese Dinge so zusammengewürfelt in meinen Terminplan zu stopfen haben mich so oft aus der Bahn geworfen, dass ich dachte, mit mir stimmt irgendwas nicht. Denn mein Körper setzte mir eindeutige Grenzen von merkwürdigen Krankheiten, die mich verzweifeln ließen bis hin zur diagnostizierten Depression. Ich musste also immer mal wieder zum Nullpunkt zurück und nahm mir jedes Mal vor, ab jetzt machst du eins nach dem anderen. Om

Das geht jetzt mit Kind etwas besser, weil die Priorität irgendwie schon klar ist, aber die Unter- wie die Überforderung begleiten mich trotzdem regelmäßig weiter und machen unzufrieden. Dabei wünsche ich mir seit meiner Jugend „Ausgeglichenheit“. Ich weiß auch nicht, Ausgeglichenheit klang für mich immer nach einem erstrebenswerten Ziel (aber eben auch ein ganz kleines bisschen langweilig).

Dennoch habe ich mich schon sehr viel weiterentwickelt. Zum einen half mir das Wissen um Hochsensibilität (dass sie sowohl Fluch also auch Segen sein kann) und zum anderen die jahrelange Erfahrung. Ich habe eine Ausbildung zur Entspannungspädagogin gemacht und so für mich die richtige Entspannungsmethode gefunden. Kleine Yogasequenzen und Mini-Meditationen gehören für mich zum Alltag. Ansonsten versuche ich täglich etwas zu tun, was mir Spaß macht und mich auf die positiven Seiten zu konzentrieren.

Das fiel mir in meiner Kindheit und Jugend nicht schwer. Da war noch alles von Natur aus schön und gut und wundervoll und konnte immer nur besser werden. Die Schule hat’s mir wohl verleidet. Damals galt ich noch als unverbesserlich optimistisch, was ich mir seit meiner Depression nicht mehr vorstellen kann. Heute suche ich nach diesem unerschütterlichen Vertrauen. Aber im Vergleich zu damals, quälen mich nicht mehr Sorgen darum, was mit mir oder meinem Körper nicht stimmt. Was das angeht, kann ich mich seit dieser Fortbildung selbst viel besser annehmen und wertschätzen, selbst meinen empfindlichen Körper, der mir ja doch nur rechtzeitig zu einer Pause rät. Ich bin wie ich bin und das ist gut so.

Darum möchte ich mit den Textzeilen, eines sehr passenden Songs von Jewel abschließen:

„I’m Sensitive“

I was thinking that I might fly today
Just to disprove all the things you say
It doesn’t take a talent to be mean
Your words can crush things that are unseen
So please be careful with me, I’m sensitive
And I’d like to stay that way.
You always tell me that is impossible
To be respected and be a girl
Why’s it gotta be so complicated?
Why you gotta tell me if I’m hated?
So please be careful with me, I’m sensitive
And I’d like to stay that way.
I was thinking that it might do some good
If we robbed the cynics and took all their food
That way what they believe will have taken place
And we’ll give it to anybody who has some faith
So please be careful with me, I’m sensitive
And I’d like to stay that way.
I have this theory that if we’re told we’re bad
Then that’s the only idea we’ll ever have
But maybe if we are surrounded in beauty
Someday we will become what we see
‚Cause anyone can start a conflict
It’s harder yet to disregard it
I’d rather see the world from another angle
We are everyday angels
Be careful with me ‚cause I’d like to stay that way

Und wieder hat sich der Artikel gänzlich anders entwickelt als geplant. Aber gut, dann beschreibe ich euch eben im nächsten Beitrag, wie sich diese andere Wahrnehmung und Reizfilteroffenheit bei mir ausdrückt und anfühlt.

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2 Gedanken zu “Hochsensibilität – Mit (zu) viel Gefühl

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