Düstere Kindergartenzeit

[Triggerwarnung: Schwarze Pädagogik]

Gerade komme ich von einer Elternvertretersitzung und mir ist ganz warm ums Herz. Ich bin so glücklich dieses Kinderhaus für das Lieblingskind gefunden zu haben. Denn selbstverständlich ist diese warmherzige Haltung und Betreuungsform, die Kindern viel zutraut und sie ernst nimmt, immer noch nicht. Obwohl dieses Verständnis vom Kind längst nicht mehr neu ist. Ich habe ein so gutes Gefühl mit diesem Haus und der Betreuung, von dem ich in den ersten Jahren nicht zu träumen wagte, auch wenn die erste Kita nicht schlecht war.

Dennoch hatten wir uns für die letzten beiden Kitajahre noch für das Montessori-Kinderhaus entschieden und damit alles richtig gemacht. Gerade heute früh, konnte es dem Lieblingskind nicht schnell genug gehen, um endlich in die Kita zu kommen. Es hetzte mich und sagte, es würde am liebsten jeden Tag in die Kita gehen. Und weil es mich so hetzte, sagte ich traurig: „Och, jetzt habe ich es gar nicht mehr geschafft, mir noch Mitnehmestullen zu machen.“ Da schaut es mich liebevoll an, seine Augen blitzen kurz auf und es sagt: „Dann mach ich dir schnell Welche“. Es flitzt in die Küche, klettert auf die Arbeitsplatte, um das Brot aus dem Kasten zu nehmen und fragt mich, was ich drauf haben will. Ich schäumte über vor Glück und Stolz auf mein selbstständiges Kind.

Aber eigentlich soll es in diesem Beitrag auch um die andere Seite gehen, die ich in meiner Kindheit erleben musste. Ich hatte den Artikel von Leitmedium gelesen und im Anschluss noch den von Frische Brise, der in den Kommentaren verlinkt war. In beiden Artikeln fand ich auch meine Kindergartenzeit beschrieben. Was mich jedoch erstaunte ist, dass obwohl viele Menschen wirklich schreckliche und zum Teil extrem übergriffige Erfahrungen gemacht haben, sie nicht alle gleichermaßen darunter leiden.

So scheint es viel mit der Resilienz oder eben auch der Hochsensibilität der Kinder zu tun zu haben, ob ein solches Erlebnis oder wiederholte Herabsetzungen, Beschämungen und körperliche Übergriffe traumatisierend wirken oder nicht. Schon oft hatte ich mich darüber gewundert, dass nicht mehr Menschen in meiner Generation unter Kindergarten-Traumata leiden und nicht alle eine Therapie brauchen, um sie zu verarbeiten.

Auslachen war bei uns beispielsweise ein beliebtes Erziehungsmittel, genauso wie furchtbare Angst einflößen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Mittagschlafgelegenheit, bei der ich nicht schlafen konnte. Dies kam durchaus öfter mal vor, und jedes Mal wurden mir die Beine an den Fußknöcheln zusammengequetscht, damit ich mich nicht bewege und damit die anderen störe. Die Decke musste ich auch über den Kopf ziehen. Als ich jedoch sogar mal beim Quatschen erwischt worden bin, wurde ich rausgeworfen. Ich fand es zunächst schön, hatte ich doch ein neues Nachthemd an und konnte durch den riesigen leeren Speisesaal über das Parkett tanzen. Ich fühlte mich wie eine Prinzessin. Dann kam das bittere Ende. Als alle Kinder aufstanden, musste ich mich wieder hinlegen, allerdings in die Mitte des Raumes. Dann kam noch die zweite Kindergartengruppe von oben zum Spielen herunter, ich musste die Decke über den Kopf ziehen und alle durften sich einmal um meine Liege herumstellen, mit dem Finger auf mich zeigen und laut lachen. Ich musste dann etwa eine halbe Stunde so liegen bleiben, während die anderen Kinder um mich herum spielten.

Wenn man etwas gut gemacht hatte, gab es tatsächlich auch immer dieses bekloppte Lied „Hast brav gemacht, hast brav gemacht, drum wirste auch nicht ausgelacht!“ Das war schon eine ziemlich kranke Haltung Kindern gegenüber. Und was das mit dem Selbstwertgefühl macht, kann sich wohl Jede*r vorstellen. Es ist irgendwann einfach nicht mehr vorhanden.

Eine weitere krasse Geschichte, bei der ich heilfroh war, dass ich nicht betroffen war, hatte mich ebenfalls damals schon extrem schockiert. Zwei Jungs bauten zusammen einen großen Turm (ich glaube es war die Friedenswarte von Brandenburg). Einer der Jungs hatte ihn wohl umgetreten. So genau weiß ich das nicht mehr. Aber genau um die Aufklärung dieses „Verbrechens“ ging es ja. Die Erzieherin terrorisierte die beiden, endlich zuzugeben, wer diese gemeine Straftat begangen hat. Die beiden wurden immer weinerlicher und zeigten immer häufiger mit dem Finger auf den jeweils anderen. Ist klar, dass sich da niemand traut, etwas zuzugeben, oder? Aber da hörte es ja nicht auf. Die Erzieherin drohte damit, die Polizei zu rufen, die, nachdem sie dann beide schon herzzerreißend schluchzten, auch eintraf. Nun standen die beiden also vor der Polizei und das Spielchen ging genauso weiter. Ich beobachtete das Ganze mit Entsetzen und dachte natürlich auch, dass der Schuldige dann ins Gefängnis käme. Ich hatte grundsätzlich so eine Scheißangst.

Diese Scheißangst zog sich dann bis in meine Grundschulzeit hinein, in der ich wieder grässliche Pädagog*innen und zum Teil auch gruselige Kinder in der Klasse hatte. Ich machte also alles was nötig war, um nicht aufzufallen und von jedem gemocht zu werden.

Erst in der Therapie gelang es mir, eine befreiende Wut zu entwickeln. Diese war so lange unterdrückt, dass sich alle angestaute Angst und Wut immer nur in Krankheiten und Schuldgefühlen ausdrückte. Natürlich haben wir als kleine Kinder zu Hause nichts erzählt. Wir dachten ja, dass wir selbst Schuld hatten und wollten nicht noch mehr Ärger. Es gäbe auch weitere schreckliche Beispiele, die ich erzählen könnte. Aber ich könnte niemals wie einige in den Kommentaren unter den genannten Blogbeiträgen schreiben „Die Erziehungsmethoden damals waren so „Naja“…“ Dazu bin ich viel zu wütend und musste extrem viel arbeiten, um ein neues Selbstwertgefühl zu entwickeln. Ich werfe den Verantwortlichen durchaus vor, dass sie absolute Scheiße gebaut haben, egal ob das damals nun mal so war. Denn es ging auch damals schon anders. Es gab auch damals schon Menschen mit Herz und gesundem Menschenverstand. Ich kenne genügend Leute, die zur gleichen Zeit in den Kindergarten gingen und gern dort waren, die solche schwarze Pädagogik nie erlebt haben.

Meine erste Erinnerung, die ich habe, kommt aus der Zeit, in der ich gerade mal 2 oder 3 Jahre alt war. Es war die typische Stopf-Würg-Aufess-Zwangs-Geschichte, die ihr auch schon aus den anderen Artikeln kennt oder selbst erlebt habt. Bei mir war es Grießbrei, den ich bis zum Erbrechen essen musste und den ich heute noch niemals warm essen möchte. Ich könnte alles noch bis ins kleinste Detail beschreiben. Ich weiß noch wie der Raum aussah, was ich durch das Fenster sah, dass mir die Tränen über meine vollgestopften Wangen liefen und ich würgen musste. Und ich dachte, die Zeit würde nie zu Ende gehen. Ich war immer in sehr schönen Einrichtungen, in tollen Villen. Aber von den Erzieherinnen kam keine Wärme oder Geborgenheit. Irgendwann möchte ich ihnen vergeben. Aber erst mal möchte ich sie noch ein bisschen dafür hassen, was sie mir und anderen Kindern angetan haben.

Umso glücklicher bin ich heute, das alles anders machen zu können. Es herrscht nicht mehr vorranging die Vorstellung, dass Kinder als böse, unzivilisierte, unvollkommene Menschen zur Welt kommen, die erst zu zivilisierten Menschen geformt werden müssen. Heute wissen wir, dass Kinder bereits als Menschen mit Persönlichkeit und vielen Kompetenzen zur Welt kommen, die einfach noch reifen und sich entwickeln. Und dafür brauchen sie unsere Begleitung, unsere Liebe, unseren Halt und unsere Hilfe.

Und ich bin mehr als glücklich, dass ich das Lieblingskind im Kinderhaus in guten Händen weiß. Es ist in einem Haus, in dem man jederzeit eingeladen ist, zu hospitieren. Das schafft Vertrauen. Sie haben nichts zu verbergen oder vertuschen, auch wenn das nicht bedeutet, dass alles immer perfekt läuft. Aber vor allem würde ich mich immer auf die Seite meines Kindes stellen und es beschützen. So heile ich immer ein Stück weiter, indem mein inneres Kind die Kindheit des Lieblingskindes miterlebt.

Wie war eure Kindergartenzeit? Erinnert ihr euch gern zurück? Habt ihr ähnliche Erlebnisse und wie wirkten diese sich auf euch aus? Ich würde mich freuen, wenn ihr mir einen Kommentar dazu hinterlasst.

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